Walter C. Steinbach

Wie aus einer Industrielandschaft eine Industriekulturlandschaft wird, zeigt sich in Sachsen. Im Braunkohlenbergbaugebiet „Südraum Leipzig“ hat dank eines ökologischen Programms und umweltverträglicher Energiegewinnung die Zukunft bereits begonnen.

Im „Südraum Leipzig“, einem etwa 650 km2 großen Gebiet zwischen Leipzig, Zeitz und Altenburg, wird seit 300 Jahren Braunkohle gewonnen und weiterverarbeitet. Auf 3,3 Milliarden Tonnen schätzt man die Menge der in dieser historischen Bergbauregion insgesamt abgebauten Braunkohle, was 6 % der Weltförderung entspricht. Dafür musste für die Tagebaue seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Fläche von 250 km2 in Anspruch genommen werden.

Diese bergbauliche Nutzung prägte die Landschaft im wahrsten Sinne des Wortes einschneidend. Sie betraf über die Jahrzehnte rund 24.000 Einwohner unmittelbar, weil sie ihre Wohnorte verlassen mussten, und belastete ihre Umwelt massiv. Viele Dörfer galten noch bis Ende der Achtzigerjahre als die schmutzigsten Europas. Und da sich die Braunkohlebagger bis an die Stadtgrenzen Leipzigs heranfraßen, wurde auch dort die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.

Erst die politische Wende 1989 führte zu einem Umdenken. Die Braunkohlenförderung ging von 60 auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr zurück, und in 12 Produktionsstätten wurden die Kohlechemie und die Briketterzeugung eingestellt. Von ehemals 25.000 Bergleuten sind heute nur noch rund 3.000 in diesem Bereich tätig. Dagegen setzte man neue Entwicklungsimpulse, z.B. mit dem Bau eines modernen Braunkohlekraftwerks und mit der Fortsetzung des Kohlenbergbaus auf höherem technologischem Niveau. Auch neue Werke der chemischen Industrie siedelten sich an. Und man förderte das Gewerbe an ehemaligen Standorten der Kohle- und Energiewirtschaft.

Dennoch hat die Braunkohleindustrie für den Wirtschaftsstandort Leipzig eine außerordentlich hohe strukturelle Bedeutung behalten – insbesondere in Verbindung mit der Energiewirtschaft. 5 % aller Beschäftigten im Südraum von Leipzig sind heute noch mit diesem Industriezweig verbunden, der beträchtliche 20 % zur industriellen Wertschöpfung der Region beisteuert. Aktuell werden im Tagebau Schleenhain 10 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr gefördert, die zur Verstromung im Kraftwerk Lippendorf zum Einsatz kommen.


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So leistet die Region Leipzig nach wie vor einen wesentlichen Beitrag zu einem ausgewogenen Energiemix, der die Zukunft sichert. Dies freilich auf der Grundlage des sächsischen Energieprogramms und vor allem unter neuen ökologischen Vorzeichen. Die notwendige Revitalisierung führte in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Sanierung der vom Bergbau in Anspruch genommenen Landschaftsflächen. Bis heute wurden mehr als die Hälfte dieser Flächen und die beträchtlichen baulichen und ökologischen Altlasten der meisten stillgelegten Bergbaustandorte rekultiviert bzw. saniert. Der Bund und die betroffenen Braunkohleländer haben als Rechtsnachfolger der DDR für dieses Programm rund 8,5 Milliarden Euro bereitgestellt, wovon etwa 1,3 Milliarden Euro auf die Region rund um Leipzig entfielen.

Im Zuge der Neugestaltung der ehemaligen Braunkohlegebiete entstehen nun im Südraum Leipzig im Zeitraum 2000 bis 2015 sieben Seen mit einer Gesamtwasserfläche von fast 35 km2. Zur Flutung der künftigen Tagebauseen wurden bisher rund 400 Millionen m3 Wasser zugeführt. Über ein 60 km langes Ringleitungssystem gelangt das Wasser aus zwei noch aktiven Tagebaubetrieben in die Tagebaurestseen. Die gesamte Landschaft rund um Leipzig erhält damit ein völlig neues Gesicht. Alle verlegten Gewässer werden wieder in ein System integriert. Hierzu verbindet man die Leipziger Flüsse und Bergbaufolgeseen durch ein über 225 km ausgedehntes Wassernetz. Befahrbare Wasserkurse münden von Leipzig aus in drei verschiedene Entwicklungskorridore in Richtung Süden und Saale. Das gesamte Projekt fügt sich in die jahrhundertealte Tradition der Wasserregion Leipzig ein und liefert wichtige Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Wie gut das Leitprojekt „Leipziger Neuseenland“ als touristische Marke der Region bereits etabliert ist, zeigen die Besucherzahlen. Seit der Freigabe im Sommer 2000 wird der Cospudener See etwa von einer halben Million Menschen pro Jahr zur Erholung genutzt.

Der Südraum Leipzig transformiert sich seit der Wende von einer Industrielandschaft in eine Industriekulturlandschaft mit hohem Freizeit- und Erholungswert. Saubere Luft, attraktive Wohngegenden, klares Wasser in den neuen Seen und immer mehr Grün zeigen diesen Wandel der Region deutlich. Nach den teilweise schlimmen Folgen der früheren bergbaulichen Nutzung können die Menschen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Sie bietet für Arbeit und Erholung gleichermaßen außergewöhnliche Möglichkeiten.
Um diese Entwicklung nicht zu gefährden, hält der Freistaat Sachsen im Rahmen seines Energieprogramms an der energetischen Nutzung der heimischen Braunkohle auch zukünftig fest. Braunkohle ist ein notwendiger Bestandteil einer sicheren, preiswerten und umweltverträglichen Energieversorgung – sowohl für eine starke und zukunftsfähige sächsische Wirtschaftsstruktur wie auch für Deutschland und Europa.

Sechs Fragen an Walter Christian Steinbach

Herr Steinbach, der „Südraum Leipzig“ ist ein historisches Braunkohlenbergbaugebiet. Was prägte die Region, bevor der Kohlenabbau kam?

Die Landschaft des Südraums Leipzig war vor dem Beginn der industriellen Kohlenförderung und -verarbeitung, also vor etwa 100 Jahren, durch fruchtbare Ackerländer, Flüsse und ihre Auen geprägt. Zahlreiche Schlösser und Herrensitze trugen zur Attraktivität der Region bei. Und insbesondere in ihrem nördlichen Teil war sie eine beliebte Wohngegend für in Leipzig tätige Bürger.

Brachte die Kohle mehr Wohlstand? Früher gehörten viele Regionen Ostdeutschlands zu den reichsten der Welt.

Natürlich. Auch in der DDR waren die Braunkohle- und Energieregionen bevorzugte und nach den damaligen Maßstäben reiche Regionen. Die Kohle brachte Wohlstand und der Berufsstand der Bergleute war sehr angesehen.

Sie sind selbst in dieser Region aufgewachsen und wurden umgesiedelt. Wie haben Sie und Ihre Familie diesen Einschnitt erlebt?

Ich bin 1959 umgesiedelt worden – als 14-Jähriger – vom Dorf in die Stadt. Für mich war das interessant und mit durchaus positiven Erwartungen verbunden. Das ganze Gegenteil war bei meinen Eltern der Fall. Sie empfanden es als sehr bedrückend, von einem schönen Haus auf dem Lande in eine Neubauwohnung in der Stadt verfrachtet zu werden.

Im sächsischen Energieprogramm, das 2004 erstmals fortgeschrieben worden ist, hat die Braunkohle ihren festen Platz. War dieses Programm umstritten? Gab es Alternativen?

Der Freistaat Sachsen verabschiedete erstmals 1993 ein Energieprogramm, das 2004 fortgeschrieben wurde. Aus meiner Erinnerung gab es damals zwar Diskussionen um die Rolle der Braunkohle, es gab aber keine nachvollziehbaren Alternativangebote, die die Zielsetzungen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit, Sozialverträglichkeit und den Umweltschutz berücksichtigt hätten.

Inwieweit wird die Rekultivierung des Südraums Leipzig weltweit wahrgenommen? Treffen von fernen Ländern Delegationen ein, um daraus zu lernen?

Im Rahmen einer Regionalkonferenz fand 1994 ein internationaler Teamwettbewerb von Landschaftsplanern und Architekten statt, zur Neugestaltung bzw. zum Landschaftsumbau in der südlich von Leipzig gelegenen Region. Diese Regionalkonferenz hatte Signalwirkung für die in Entstehung befindliche Gewässerlandschaft und den regionalen Gewässerverbund. Zudem werden die erfolgreichen Wiedernutzbarmachungsmaßnahmen der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) weltweit wahrgenommen und das dabei erworbene Know-how nachgefragt. Das Unternehmen unterhält zahlreiche internationale Kontakte und Vertragsbeziehungen bezüglich konkreter Vorhaben, so unter anderem nach Vietnam, China, der Mongolei, Russland, Rumänien, Bulgarien oder auch nach Kuwait. Zur Wahrnehmung der Kontakte gründete die LMBV ein Tochterunternehmen, die LMBV international, die mit Genehmigung des Bundesfinanzministeriums die internationalen Aufgaben wahrnimmt.

Zieht die neue Seenlandschaft bereits Touristen an oder ist sie mehr ein Naherholungsgebiet?

Das Interesse von Touristen am „Leipziger Neuseenland“ nimmt zu, worüber wir uns natürlich freuen. Ein Indiz für die wachsende Attraktivität sind die Übernachtungszahlen. In den zurückliegenden Jahren haben sie sich mehr als verdoppelt. Wurden 2001 87.000 Übernachtungen gezählt, so waren es 2008 190.000 – mit weiterhin steigender Tendenz.

Links zum Thema

Publikationen zum Thema

Andre Bien: Sanierung und Revitalisierung von Bergbaufolgelandschaften im Südraum Leipzig.

Grin Verlag 2008.

Lothar Eißmann, Armin Rudolph: Die aufgehenden Seen im Süden Leipzigs, Metamorphose einer Landschaft.

Sax-Verlag, Beucha, 2., erw. Auflage 2006.

Andreas Berkner und Tobias Thieme (Hg.): Braunkohlenplanung, Bergbaufolgelandschaften, Wasserhaushaltssanierung: Analysen und Fallbeispiele aus dem Rheinischen, Mitteldeutschen und Lausitzer Revier.

Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) 2005.

Sabine Tischew: Renaturierung nach dem Braunkohleabbau. Mit CD-ROM.

Vieweg+Teubner Verlag 2004.