05.10.2011

Lieber Braunkohle als Gas für die Stromerzeugung der Zukunft

Ein Beitrag von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung. Das entspricht dem Geist des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG), das die Umweltverträglichkeit der Stromversorgung als wichtiges Gesetzesziel nennt. Die Bundesregierung strebt an, bis 2020 den Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Stromverbrauch auf 35 Prozent zu steigern. 2010 waren es knapp 17 Prozent und in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sogar 20 Prozent. Starke Sonnentage im Frühsommer und günstige Windverhältnisse haben zu diesem Sprung beigetragen.

Der Anstieg der Erneuerbaren und die Außerbetriebnahme von acht deutschen Kernkraftwerken nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima verändern den Energiemix in der Stromerzeugung. Der traditionelle Ausfuhrüberschuss im Stromhandel ist im ersten Halbjahr weitgehend abgeschmolzen. Die Abhängigkeit von Stromimporten hat sich spürbar erhöht und nimmt mit jedem deutschen Kernkraftwerk, das vom Netz geht, weiter zu.

Importbedarf entsteht vor allem in Zeiten mit hohem Verbrauch und gleichzeitig niedriger Stromerzeugung aus Wind und Sonne und dann zu hohen Preisen. Dagegen musste die häufig außerhalb der Zeiten des Spitzenverbrauchs erzeugte Windkraft im In- und Ausland mit Preisnachlässen in den Markt gedrückt werden. Das verstößt gegen die Ziele einer preisgünstigen und effizienten Stromversorgung. Auch die im EnWG an erster Stelle genannte Anforderung einer sicheren Versorgung war und ist nicht mehr gewährleistet. Nach den Reaktorstilllegungen blieb Deutschland ein Blackout zwar bisher erspart. Aber das war reines Glück. Es gab in Europa viele freie Kraftwerkskapazitäten wegen der schwachen Konjunktur und weil französische Kernkraftwerke in diesem Sommer keine Kühlprobleme hatten. Normalerweise hilft Deutschland im Hochsommer Frankreich bei der Stromversorgung aus. Aber das wird künftig kaum mehr möglich sein.

Im Herbst 2010 hat die Bundesregierung die Laufzeitenverlängerung mit der Kernenergie-Brücke begründet, die noch gut zwei Jahrzehnte den Übergang zu einer weitgehend regenerativen Stromerzeugung ermöglichen sollte. Nun wird diese Brücke schnell abgerissen und es muss eine neue gebaut werden.

Leider konzentriert sich die Diskussion über Reservekapazitäten auf Gaskraftwerke, vor allem weil deren Kohlendioxidemissionen vergleichsweise niedrig sind. Aber Gaskraftwerke haben auch Schwächen. Ihr Brennstoff ist teuer und muss weitgehend importiert werden. Auf den langen Transportwegen fallen CO2- und Methanemissionen an. Obwohl seit einigen Jahren eine Gasschwemme in Europa die Gaspreise drückt, sind die Gaskraftwerke beim gegenwärtigen Strompreisniveau unwirtschaftlich. Deshalb werden Subventionen als Starthilfe für den Bau von Gaskraftwerken gefordert.

Schon jetzt beklagt die stromintensive Industrie einen Angriff auf ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit durch den politisch verursachten Strompreisauftrieb in Deutschland. Langjährig garantierte Einspeisegebühren, die erforderlichen Netzinvestitionen, neue Reservekraftwerke und anschwellende Netzsteuerungskosten – das alles wird Elektrizität weiter erheblich verteuern. Dieser Trend gefährdet auf längere Sicht nicht nur die stromintensive Industrie, sondern auch deren Zulieferbranchen. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem auch für umweltbewusste Privathaushalte der Spaß aufhört.

Korrekturen an der Umsetzung der Energiewende dürfen nicht länger aufgeschoben werden. Die Wahl einer kostengünstigen und sicheren Brücke wäre ein erster guter Ansatz. In Sachen Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit ist Braunkohle dem Erdgas weit überlegen. Sie ist der einzige fossile Energieträger mit weitreichenden Vorkommen im eigenen Land. Ihre Gewinnungskosten sind nach der Strommarktliberalisierung erheblich gesenkt worden. Darüber hinaus leistet die deutsche Braunkohleindustrie mit mehr als 80000 Arbeitsplätzen einen entschieden höheren Beitrag zum Sozialprodukt als Importenergien.

Die vergleichsweise hohen Kohlendioxidemissionen bei der Braunkohleverstromung werden von den Umweltverbänden als untragbarer Makel gerechnet. Aber diese Kritik ist aus zwei Gründen engstirnig. Im Rahmen des europäischen Systems zum Emissionshandel sind die CO2-Mengen für alle Stromanlagen zusammen vorgegeben, unabhängig davon, wo sie anfallen. Ein Ersatz von Braunkohle durch Erdgas in Deutschland bewirkt nur die Möglichkeit, an anderer Stelle CO2 zu emittieren. Deutsche Ingenieurkunst sorgt für immer wieder neue Verbesserungen beim Wirkungsgrad und bei der Klimabelastung. Und die modernen Kraftwerke können flexibel dem Bedarf angepasst werden, hier gibt es keinen systembedingten Vorteil für Gas. Deutsche Forscher suchen intensiv nach neuen Wegen zur Verwertung von Kohlendioxid. Große Braunkohlevorkommen werden in vielen Ländern der Welt zur Stromerzeugung genutzt. Dazu gehören Russland, China, Australien und in Europa auch Polen, Tschechien oder Griechenland. Doch in keinem dieser Staaten, die noch für Generationen ihre heimischen Braunkohlevorkommen nutzen werden, wird so intensiv geforscht und entwickelt wie in Deutschland, um die Braunkohleverstromung umweltverträglicher zu machen.

Deutschland war lange Vorreiter bei der Entwicklung sicherer Kernkraftwerkstechnik. Nach dem ersten Atomausstieg sind diese Anstrengungen schnell versiegt. Für den globalen Klimaschutz wäre eine solche Wiederholung nun bei der Braunkohle fatal. Deshalb muss die Techniknation Deutschland bei der Wahl der neuen Brücke auf die Braunkohle setzen.

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von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

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